Kurz vor Mittag kam eine junge Frau, ich schätzte um die 14 - sie war 21, zwei Kinder. Sie hatte sich für eine Füllung angemeldet. Alle 4 Frontzähne oben hatten jeweils ein Loch – groß – schwarz – entstellend, -bei der sonst recht hübschen und gepflegten Frau. Roba rief mich. Ich sollte eine Füllung machen, er traute es sich nicht zu. Ich behandelte alle 4 Zähne. Es ist auch nach 30 Berufsjahren noch faszinierend, zu sehen, wie sehr so ein paar Füllungen einen Menschen optisch aufwerten können. Die kleine Dame weigerte sich anschließend, in den angebotenen Spiegel zu schauen. Offensichtlich zu aufgeregt und glücklich, die Löcher könnten echt weg sein. Mittag gab es heute lieber ohne Chillizugabe und danach noch eine Melone mit Gummibärchen von mir für den Staff. Es ist erstaunlich, meine 6 Zahnärztchen haben zusammen eine kleine Karies. Sie mussten heute alle auf den Stuhl für ne Kontrolle. Dabei putzen sie sicher nicht so anders als alle anderen. Vielleicht liegt es daran, dass sie alle noch Flüchtlinge in erster Generation sind, also vor 20 Jahren als junge Menschen in großer Armut hierher kamen und erst mal keinen Zugang zu Cola, Fanta und Sprite hatten? Ich hab keine andere Erklärung. Die Männer hatten natürlich ganz furchtbar braun verfärbte Zähne vom Betelnuss kauen. Dafür scheint es Zahnstein hier fast nicht zu geben. Versteh einer die Welt. Wir putzten also gemeinsam, besprachen wieder den Vormittag, ich erklärte noch ein paar Sachen. Wir wiederholten die Woche und ich führte eine Wurzelbehandlung am Modell vor. Nicht, damit sie es nachmachen sollten, sondern um Ihnen zu zeigen, wovon sie schon gehört hatten. Ich  versprach, nächste Woche in Chiang Mai in einem Dental Shop einkaufen zu gehen und all das, was hier am dringendsten fehlt, zu besorgen. Dann machte ich  noch ein Spiel mit ihnen. Einer musste eine Fachfrage stellen, so schwierig wie möglich. Ein anderer sie beantworten. Den Punkt bekam, wer siegte. Also war die Frage so schwer, dass sie nicht beantwortet werden konnte, bekam der Fragender den Punkt (wenn er sie selbst beantworten konnte)-, sonst der Antwortende. Sie waren so begeistert bei der Sache, diskutierten die Antworten alle aufgeregt durcheinander, dass wir den Feierabend weit überzogen. Ich verstand von alldem  erst mal gar nichts, ließ mir aber immer mal von Mon die Antworten übersetzen und gab dann noch meinen Senf dazu. Die Komplikationen beschäftigten sie besonders. Ich nehme das mal als gutes Zeichen. Nun hat es also wirklich geklappt. Nachdem gestern drei nette Menschen für mich kochten, na ja besser formuliert, mich an ihrem Essen teilhaben ließen, waren es heute wirklich 4. Vier verschiedene Essen. Traditionelles Thaigemüse mit Huhn. Karenisches Bambusirgendwas aus Stämmen geschält, die für mein europäisches Auge wie Bambus aussehen und halt wie saftiges Gemüse schmecken - natürlich in würziger Tunke, sodass über den Originalgeschmack nur spekuliert werden kann. Dann gab es Hühnerstücke mit Gemüse, dass sah roh aus wie Monsterbohnen. Außerdem  gab es Gemüsesuppe, viel Blattwerk drin, Pilze, Tomate, Möhre und ich schätze noch ein halbes Dutzend weitere Zutaten. Mal nicht scharf, dafür sehr würzig. Weiterhin kamen gebratene Reisstücke auf den Tisch sowie zwei Sorten Kochreis, Mangostücke, Schokoladensticks (mein karger Beitrag) und selbstgebrannter Reisschnaps. Ich wurde ständig aufgefordert, dies zu kosten, jenes zu probieren. Dann sollte ich auch noch entscheiden, was mir besser schmeckt, was ich natürlich schön bleiben ließ. Außerdem war alles wirklich lecker. Und da dachte ich, ich könnte mal ein Kilo abspecken. Dazu wurde lebhaft gequatscht. Ich lobte (aus ehrlichem Herzen) die thailändische Freundlichkeit, die Tapferkeit der Zahnpatienten und erheiterte die anwesende Gemeinschaft mit Geschichten aus dem fernen Europa und von meinen Einsätzen in Afrika. Das fanden sie auch sehr spannend, wie die Leute da leben.  Es war wieder ein wirklich netter Abend. Das wird mir fehlen nächste Woche. Ich meine, dieses ständige schmuddelig sein, das wird mir nicht fehlen. Dunkelbraune Füße, fleckige Hosen,  staubige T-Shirts, klebrige Haut, Striemen auf dem Arm, wenn man sich nachmittags mal mit feuchtem Finger drüber fährt. Und auch nicht das öffentliche Krankenhausklo im Camp ein eigenständiges Häuschen zwischen der Krankenstation, der Zahnstation und dem Laboratorium. Dort ist man nämlich ständig Umgeben von Muttis mit Kindern, die sich auf den Weg machen in eine der Einrichtungen sind und von Kindern, die es gern als Versteck nutzen. Die Tür gesichert durch ein drehbares Holzstück, das aber bei jeder Berührung der Tür runterklappt, Türöffnung inclusive da sie schief in den Angeln hängt. In der Mitte ist ein Porzellanbecken deutscher Markenhersteller (immerhin), in den Boden eingelassen. Besonders bequem, wenn man Knie hat. Im Stehen ist es aber auch nicht so günstig, weil man dann rundherum gesehen wird. Die Wände sind teilweise nur 1,60m hoch. Nach dem Toilettengang nimmt man die gleiche Plastikschöpfkelle wie alle anderen in die Hand und spült mit ihr Wasser aus der Tonne in den Abort, möglichst ohne sich vollzuspritzen. Unnötig zu erwähnen, dass man sich weitestgehend entkleidet, weil eine heruntergelassene Hose, ausversehen in Kontakt mit dem rundrum, wovon auch immer, durchfeuchteten Boden kommen könnte und dann wieder angezogen werden müsste…, das wollen wir uns lieber gar nicht vorstellen. Für die Kelle wollte ich immer einen Handschuh mit aufs Klo nehmen, viel mir auch regelmäßig zu spät ein. Also für Schönwetterscheißer ist das hier nix. Das darf schon mal so deutlich gesagt werden. Was wäre denn noch erwähnenswert?  Massagesalons hätten hier oben keine Chance - oder gerade. Wenn ich nach 30 Minuten Schrittfahren im Allrad Pick up aus dem Auto falle, bin ich bis in die tiefste Muskulatur durchgelockert. Andere möglicherweise auch vollverspannt. Drei bis Vier Kopf - Autodachkontakte hatte ich trotz aller Vorsicht jedes Mal - aber nur einer zog auch eine rote Spur.  Also alles easy. Ansonsten ist es hier einfach nur herrlich. Soviel Natur. Sonne, Wärme, nette Menschen,                                                             dankbare Menschen, anspruchslose Menschen - jedenfalls verglichen mit unseren                                                                        Ansprüchen. Ich würde hier nicht dauerhaft leben wollen, gebe ich zu, aber es hat etwas Besonderes. Morgen treffe ich die Zahnputzkolonne, also ca. 15 dental health worker, die das ganze                                                                                  Jahr jeden Tag in Schulklassen gehen und mit den Kindern putzen. Denen soll ich also                                                                          einen Refresher zum Thema putzen geben. Klingt albern. Ist albern. Und ich soll über                                                    Zahnfleischerkrankungen referieren. Einem Thema, das ich, wie schon geschrieben,                                                                               bei dem dental Staff diese Woche fast weggelassen habe, weil es so lächerlich                                                                                            unbedeutend ist neben der Kariesproblematik. Da passt es morgen gleich gar nicht.                                                                                  Na mal sehen. Irgendwas wird mir einfallen. 10.3. Freitag Letzte Nacht im Staffhaus. Auf den Rücken ist Verlass. Ab halb 5 wollte er nicht mehr liegen. Aber Willenskraft und Faulheit haben ihn bis kurz vor 7 im Griff gehabt. Dann gab es Rührei und Apfelstückchen. So eine - Wünsche von den Augen ablesende - Betreuerin ist schon toll. Dann ging es ins Lager mit Umweg über das  andere Lager, um die dortigen Zahnputz - dental - health - workerinnen einzusammeln, samt diversen Kindern, die teils am Rockzipfel, teils an der Brust hingen. Also über eine Stunde Autowackeln inklusive noch einiger schöner Fotos. Heute war also Auffrischung für die Frauen angesagt, die in den Schulen jeden Tag mit den Kindern Zähne putzen. Damit es nicht zu langweilig wird, habe ich sie in der dental clinic in Zweiergruppen eingeteilt und blau eingefärbt – also nur die Zähne natürlich. Das Belagsanfärbemittel, wir nutzen in Deutschland das Gleiche, war zwar schon ein bisschen überlagert, aber es hat natürlich noch prima funktioniert und sie sollten es ja nicht trinken. Überhaupt bekommen Verfallsdaten einen komödiantischen Beigeschmack, wenn man hier im Wald das Beste aus dem machen soll, was halt da ist.  Nachdem alle fleißig geputzt hatten, die Kinder mussten gleich mit ran, habe ich  dann jeder gezeigt, wo es bei ihr noch besser geht.  Bis auf zwei Frauen waren aber alle gut geschrubbt. Die zwei mussten zum Nachputzen und zur 2. Kontrolle. Dann gab es noch eine Rede mit viel Lob für ihre Arbeit und der Betonung auf die Bedeutung ihres Tuns und vielen Pflegetips. Das ging so bis Mittag, dann wurden die Damen wieder in ihr Lager zurückgeschaukelt, es gab noch-mal Mittag und dann fuhren wir zurück nach Mae Sariang. Jetzt sitze ich wieder in dem hübschen Hotel, in dem ich auch bei der Anreise genächtigt habe. Bin sauber, mit Bier versorgt und fühle mich ein bisschen wie früher nach dem Ferienlager. Am liebsten würde ich direkt wieder hin fahren und noch ein paar Tage da arbeiten. Die Menschen dort sind so einfach, wenig gebildet, haben so andere Prioritäten als wir. Das ist es aber gar nicht, was mir im Kopf rumgeht. Es sind die Wertvorstellungen. Zum Beispiel die der Frauen. Es gibt im Lager unendlich viele Kinder. Nicht nur-, weil die Leute viele Kinder haben wollen. Ohne Fernsehen, Computer und Handy gestalten sich die Abende vielleicht schon mal anders als die des „modernen“ Menschen. Dann heiraten die Mädchen sehr jung. Viele verlassen mit 16 die Schule, um dann sehr bald mit dem ersten Kind schwanger zu sein. Aber klar, als Mutter haben sie ihre Lebensaufgabe gefunden, besonders wenn sie mehrere Kinder groß zu ziehen haben. Und eine Mutter ist dann auch wer, die gesellschaftliche Anerkennung steigt. Und eine Mutter von 5 Kindern bekommt von den Maltesern auch für 5 Kinder die Grundversorgung, das schafft zumindest einen größeren Gestaltungspielraum. Das ist doch bei uns ganz anders. Frauen werden zwar nicht diskriminiert, wenn sie ein Kind oder gar mehrere Kinder bekommen, aber benachteiligt werden sie auf alle Fälle. Rentenrechtlich gesehen ist es doch einfach dumm, sich Kinder anzuschaffen. Einkommenstechnisch ist es dämlich,  Kinder in Deutschland zu haben. Nicht nur, dass ein jahrelanger Verdienstausfall die Folge ist. Nein es treten auch noch 20 Jahre höhere Kosten auf und die berufliche Entwicklung der Frau und Mutter, die mal zu höherem Einkommen führen könnte, wird auch massiv behindert. Statt das eine Mutter, die Kinder in die Welt setzt, mit allen möglichen finanziellen Unterstützungen rechnen kann und damit meine ich nicht, einen Kindergartenplatz, um den man sich immer noch prügeln muss, -trotz des Politikergelabers allerorten, oder ein Teilgehalt für 1- 3 Jahre, wird laut – und berechtigt - gejammert, dass bei uns die Kinderzahlen so niedrig sind. Und am lautesten jammern die, die es in der Hand hätten, per Gesetz  Müttern in Deutschland die Bedeutung und die finanzielle Sicherheit zukommen zu lassen, die nötig wäre, damit Kinder zu haben gesellschaftlich wieder Anerkennung bringt – so, wie ich es in diesem Flüchtlingscamp, aber auch schon in Kenia und Gambia erlebt habe. Ich bin kein Politiker und habe auch keinerlei Anspruch, eine ausgereifte Lösung zu haben, aber das, was die Malteser machen ist so einfach wie vernünftig. Auf Deutschland bezogen könnte das heißen - für jedes Kinde gibt es einen monatlichen Zuschuss vom Staat, nein keinen Almosen, sondern in der Höhe, dass ein Kind ordentlich über den Monat kommt und für die Mutter ein Grundgehalt. Zu teuer? Das dachte ich früher auch. Aber wenn ich sehe, wofür wir in Deutschland Milliarden und zwar viele davon, ausgeben. Dazu die schwarze Null Hystery – wo ist bitte hier der Heulsmiley. Aber vor allem und egal, was es kostet: In 25 Jahren gibt’s statt 40 Millionen Erwerbsfähigen noch 30 Millionen in Deutschland, das ist reine Mathematik, keine Politik, die neuen Bürger mal nicht mitgerechnet. In 25 Jahren,  das erlebe ich vielleicht noch. Das ist dann der Zusammenbruch unseres sozialen und unseres wirtschaftlichen Systems. Und warum? Weil wir hochentwickelten, modernen, emanzipierten Menschen vergessen haben, wie Menschheit funktioniert. Und das ist die bittere Erkenntnis – dass diese einfachen, armen, weniger gebildeten Menschen intuitiv viel gescheiter sind als wir. So, nun bin ich aber schön ins Philosophieren abgerutscht. Vielleicht hat das auf einer Zahnarztseite gar nichts zu suchen, aber es ist nun mal die für mich wichtigste Erkenntnis dieser Zeit im Camp. Und deshalb lasse ich es hier stehen. 11.3. Samstag Heute war Rückfahrtag nach Chiang Mai. Nachdem es bei der Hinfahrt ja ein bisschen mit der Logistik gehapert hatte, boten mir die Malteser für den Rückweg an, den Pick up samt Fahrer den ganzen Tag in Anspruch nehmen zu können, zumal ich auch noch in einen Dentalshop wollte und die Geräte ja irgendwie nach Mae Sariang  kommen mussten. Also machte ich einen wunderbaren Umweg über den Berg Doi Inthanon. Er gehört noch zum Himalaya und ist der höchste Berg Thailands, natürlich inclusive Stupas zu Ehren des Königs, einer wunderbaren Natur, traumhafter Fernsichten, sonniger Pinienwälder (na ja so Nadelbäume eben), und zweier Wasserfälle, die in der Regenzeit bestimmt noch spektakulärer sind. Anschließend kehrten wir endgültig in die großstädtische Zivilisation zurück. Wir suchten und fanden  - nach mehreren Versuchen -  in Chiang Mai  einen Dentalshop und ich durfte 1 Stunde lang nach Herzenslust die Schränke durchwühlen. Man hätte meinen können, vor mir wäre noch nie jemand auf die Idee gekommen, Zahnarztinstrumente in diesem Zahnarztshop zu kaufen. Die nette Verkäuferin, ihr Mann und die 4 Kinder beobachteten mich mit wohlwollendem Interesse, wie ich so Schrank für Schrank durchsuchte. Helfen konnten sie mir nicht. Nicht wegen mangelnder Kommunikation, sondern weil sie gar keine Ahnung von dem hatten, was sich in ihren Schränken verbarg. Ach ja, sagte ich es, sie wohnten in dem Raum, in dem sich die Schränke befanden und sie ließen sich auch nicht sonderlich beim Abendessen stören. Die Preise waren wahrscheinlich auch eher spontan als festgelegt. Aber es war ja für einen guten Zweck. Dann reizte ich mein Glück noch aus und lies mich von meinem Fahrer, der kein Wort englisch sprach und dennoch lächelnd alles machte, was ich mir wünschte, noch bis zu einem netten Bungalowhotel fahren. Dann kam wieder das Übliche:  duschen, dieses Mal – nach einer Woche -  auch rasieren, Wäsche waschen, Fotos schießen. Dann suchte ich mir eine kleine Kneipe in der Nähe und saß bis weit in die Dunkelheit dort rum und genoß die angenehme abendliche Wärme Thailands. Soweit zu meinem Einsatz im Flüchtlingslager der Karen. Würde ich es wieder machen?    Sofort! Und bei einem nächsten Mal hätte ich auch einen Plan, wie ich noch effizienter vorgehen könnte. Denn jetzt kenne ich den Ausbildungsstand, weiß um die Motivation des Teams und wüsste auch, was ich mitzubringen habe, um meine Ideen umsetzen zu können. Ich werde sehen. Es hängt ja nicht nur von mir, sondern auch von den Maltesern ab, na ja und ein bisschen arbeiten möchte ich zu Hause auch wieder. Schließlich bin ich am meisten in meiner Praxis zu Hause und so ab zwei Wochen fehlen mir doch meine Patienten und  mein Team daheim. Ende
in der „Mittagskantine
in der Diskussion
22.00 Uhr
Ein Blick auf die Ausläufer des Himalaja
Festus und Stupa
Der Tempel auf dem Doi Inthanon
Die schwimmende Brücke